Laura Himmelreich bei ihrer Keynote. (Foto: www.StefanBau.com)

Laura Himmelreich steht auf der Bühne und strahlt. Und das liegt nicht nur am schönen Spätsommerwetter, das sie am Morgen mit einem Spaziergang durch die Heidelberger Innenstadt schon genossen hat. Sondern vor allem an ihrem Job. Vor zweieinhalb Jahren ist sie von der Politikredaktion des stern an die Spitze des Magazins VICE gewechselt und dort mittlerweile zur Chefredakteurin aller deutschsprachigen Online-Ausgaben ernannt worden. Seitdem habe sie zwar so viel wie noch nie zuvor gearbeitet. „Aber ich habe da den Spaß meines Lebens“, sagte sie in ihrer Rede auf dem ersten Medien|Zukunft|Festivals auf dem Gelände der SRH-Hochschule.

Und das liegt vor allem an der anderen Herangehensweise an Geschichten, mit der die kanadischen Gründer das Magazin immer populärer gemacht hatten, umriss sie die Geschichte des heutigen US-Medienunternehmens mit seinen weltweit mehr als 20 regionalen Ablegern anhand eines Films. „Wir wollen vor Ort sein, wo andere nicht sind“, sagte Laura Himmelreich, und hatte einige Beispiele mitgebracht.

Etwa den Artikel einer Autorin, die in ihrer Kindheit mit den Eltern öfters in ein Ferienlager für Neonazis fahren musste, einen Selbstversuch mit der Tinder-Version für Muslime oder einem Gespräch mit einem Syrer über Freiheit, der als Sexsklave arbeiten musste, ehe er fliehen konnte. Allesamt sehr persönliche Geschichten, die aber immer eine Einordnung in gesellschaftliche Zusammenhänge erführen, antwortete Himmelreich in der anschließenden Fragerunde. Und weil man eben diesen anderen Zugang habe, müsse man an einem Wahlabend auch nicht in den Parteizentralen sein, denn das übernähmen schon genügend andere Medien. Ihre Redaktion hatte sich stattdessen dafür entschieden, zu diesem Zeitpunkt mit einem AfD-Wahlbeobachter unterwegs zu sein.

Der fehlende Zwang, alle Themen tagesaktuell abdecken zu müssen, bietet der Redaktion aber auch die Möglichkeit für kosten- und zeitintensive Recherchen. Etwa zu der Frage, welches deutsche Nachrichtenportal die meisten Falschmeldungen auf Facebook verbreitete oder über einen Studenten, der zu einem globalen Waffen-Dealer wurde. Relevant sei für die Redaktion, was die Mitarbeiter selbst interessiere und attraktiv fürs Publikum sei – und nicht, was möglicherweise ein Werbekunde wolle, sagte sie auf eine entsprechende Frage nach einer Einflussnahme. Ihr sei es bei der Planung und den Redaktionskonferenzen am liebsten, wenn sie ihre Leute bremsen müsse. Kreativität und ein Verständnis für das Konzept von VICE und journalistisches Talent seien ihr bei einer Neueinstellung deshalb in der Regel wichtiger als das Studienfach oder eine bestimmte Ausbildung, hatte sie dazu passend auch in einem Interview mit den Organisatoren des Medien|Zukunft|Festivals gesagt.

Und Kreativität war auch das, was sie bei so manchem weckte. Die Bloggerin Petra Nann etwa, Betreiberin von „Im Ländle“, kündigte an, sich gleich am Montag darauf mit ihren Autoren zusammensetzen und überlegen zu wollen, was sie für ihr eigenes regionales Angebot von VICE abschauen könne. Und auch wenn für andere der Tageszeitungsalltag dafür ein zu enges Korsett bietet, so brachte der Auftritt von Laura Himmelreich für diese Journalisten zumindest viele interessante Einblicke und Spaß beim Zuhören.

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