Laura Himmelreich ist Chefredakteurin der deutschsprachigen Ausgabe des Onlinemagazins VICE. Vorher war sie Politikredakteurin beim „Stern“ und hat unter anderem die #Aufschrei-Bewegung initiiert. Beim Medien|Zukunft|Festival am 13. Oktober wird sie die Keynote sprechen. Vorab hat sie mit uns über die Zielgruppe von VICE, die Ausbildung im Online-Bereich und die Zukunftstrends im Journalismus gesprochen.

 

Frau Himmelreich, Sie sind mit gerade mal gut 30 Jahren von der Stelle als Printreporterin beim „Stern“ zur Chefredakteurin beim damals wenig breit bekannten Online-Magazins VICE gewechselt – was waren die Beweggründe?

Laura Himmelreich: VICE erreicht junge Leute mit relevanten Themen und unkonventionellen Ansätzen wie kein anderes Medium. VICE denkt global, besitzt Büros in über 30 Ländern, und kennt keine Grenzen oder Hierarchien zwischen Print, Online und Bewegbild. In so einem Konzern wollte ich arbeiten.

Ist es für junge Menschen bei Onlinemedien leichter, als Führungskraft akzeptiert zu werden, als etwa bei klassischen Zeitungen? Und wird es mit zunehmendem Alter schwieriger, das Gesicht eines jungen Mediums zu sein?

Himmelreich: Wenn man sich die deutschen Online-Medien und deren Führung anguckt, hat man zumindest dein Eindruck, dass es dort für junge Menschen und für Frauen weniger Barrieren gibt. Ein Konzern wie VICE mit Tausenden Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen hat nicht „ein Gesicht“, sondern eben Tausende. Meine Aufgabe ist eine managende. Ich koordiniere die Redaktionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber die „Gesichter“ sind vor allem die Leute, die die Inhalte produzieren. Und deren Durchschnittsalter liegt bei 29 Jahren – sie sind also so alt wie unsere Zielgruppe.

Sie waren zuvor Politikredakteurin, VICE ist eher im Boulevard oder bei hippen Themen unterwegs. Haben Sie Ihr altes Leben nicht vermisst? 

Himmelreich: Ich kann nicht nachvollziehen, warum VICE aus Ihrer Sicht Boulevard macht. Ich weiß auch nicht so recht, was „hippe Themen“ sein sollen. Wir berichten über alles, was junge Menschen interessiert, da reicht das Spektrum von Politik- und Gesellschaftsthemen, zu Liebe, Sexualität, Entertainment und Clubkultur. Ich vermisse absolut nichts. Ich darf jeden Tag ein unglaublich talentiertes, motiviertes Team leiten, in dem die Leute für ihre Arbeit brennen, und sie dabei unterstützen, Inhalte zu produzieren, die Millionen junge Leute in drei Ländern erreichen. Meinen Job empfinde ich als großes Privileg.

Funktionieren die leichten Themen bei Online besser als Politik? Oder kommt es eher darauf an, wie man die Themen angeht und mit welchen Stilformen?

Himmelreich: Nein. Gerade mit Themen wie Extremismus oder sozialer Gerechtigkeit erreichen wir mit das größte Publikum. Aber ja: Es kommt darauf an, wie man die Themen erzählt. Unser Anspruch ist es, origineller zu sein als andere, direkter, näher an jenen dran, die von politischen Entscheidungen unmittelbar betroffen sind. Das interessiert junge Leute, Partei- und Machtpolitik interessiert sie weniger.

Die Ausbildung für Online, so wird oft geklagt, wird bei der Ausbildung von Journalisten vernachlässigt. Was müssen Kollegen, die Sie neu einstellen, unbedingt mitbringen – und wo eignet man sich das am besten an?

Himmelreich: Wenn ich Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einstelle, ist mir in vielen Fällen egal, was sie für eine Ausbildung haben, ob sie studiert haben oder welche Noten sie hatten. Ich möchte anhand ihrer Arbeitsproben sehen, dass sie journalistisches Talent besitzen. An ihren Ideen und Themenvorschlägen merke ich, ob sie die Marke VICE verstehen und mit kreativen Ideen weiterentwickeln können. Das sind für mich die wichtigsten Voraussetzungen. Außerdem müssen sie nette, aufgeschlossene Menschen sein.

Was sehen Sie als großen Zukunftstrend der Branche? Worauf sollten sich Zeitungen, aber auch Onlinemedien einstellen? Und was glauben Sie, wie lange wird es den stern noch geben? Und wie lange VICE?

Himmelreich: Ich glaube, am meisten Luft nach oben im deutschen Journalismus ist bei Bewegtbild. Selbst große Medienhäuser tun sich schwer, hochwertige, journalistisch-wertvolle Videos zu produzieren, die online eine hohe Reichweite erzielen und sich so selbst finanzieren. Die Video-Produktion ist bei VICE der Bereich, den wir in den kommenden Monaten am stärksten ausbauen werden. Wie lange es den „Stern“ noch gibt, müssen sie die Verlags-Chefin von Gruner+Jahr fragen. VICE – prognostiziere ich jetzt mal – wird es länger geben als mich.

(Das Interview führte Julia Schweizer für Medien|Zukunft|Festival.)

 

Zur Person:

Laura Himmelreich ist seit September 2018 Chefredakteurin von VICE im deutschsprachigen Raum. Zuvor leitete sie zwei Jahre lang VICE.com Deutschland. Von 2010 bis 2016 arbeitete sie als Politikredakteurin im Berliner Büro des Stern. Sie ist Absolventin der Henri-Nannen-Journalistenschule. In Göttingen und Prag studierte sie Politikwissenschaft, Sozialpolitik und Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Geboren und aufgewachsen ist sie in München. (Bildquelle: Grey Hutton)

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