Erster Arbeitstag. Was zieh‘ ich nur an? Wo ist nochmal genau die Redaktion? Und wie groß ist sie – und das Verbreitungsgebiet noch gleich? Fragen über Fragen. Doch die Anspannung weicht schnell. Nicht nur, als ich vor besagter Redaktionsadresse stehe – und erstmal lachen muss. Denn ein Schild über einem kleinen Geschäft für Spielsachen und Karten weist großmächtig auf das „Pressehaus“ hin (früher war dort auch mal ein Kundencenter, das ist aus Spargründen aber ausgelagert worden, zum Thema Präsenz gibt es hier einen interessanten Beitrag).
Und weil mein erster Arbeitstag keiner für die Zukunft ist. Sondern für gerade einmal eine Woche (wenngleich es dafür recht oft hieß: „Von Julia Schweizer“, mehr zu den täglichen Erlebnissen im privaten Blog hier). Als Tauschreporterin bin ich zu Gast in der Lokalredaktion der Westfalenpost in Brilon. Das soll frischen Wind und Impulse für den eigenen Beruf bringen, so das Ziel dieser Aktion des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV).

Neues Umfeld, neue Herausforderungen

55 Redakteure (und auch einige Volontäre) von 30 Zeitungen haben sich an deren zweiten Auflage beteiligt. Und für diese sei es eine einmalige Gelegenheit, „aus dem vertrauten Umfeld herauszukommen und zu erleben, wie bei anderen Zeitungen gearbeitet wird. In der Branche stehen alle vor den gleichen Herausforderungen, was Transformation und Struktur betrifft“, hatte dazu der BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff gesagt. Und dass man frische Impulse für den eigenen Beruf erhalte.

Gut, in meinem Fall war das aufgrund meiner Biographie nicht ganz so ausgeprägt, da ich schon einige berufliche Stationen in der Medienwelt hinter mir habe, bei Lokalzeitungen, Magazinen, einem Studentenradio und der dpa. Vertraut war mir daher auch das Reporter-/Editoren-Modell. Das scheint bei der WP zwar besser zu funktionieren als schon erlebt, aber durch die völlige Abschaltung der Layout-Funktionen des Redaktionssystems in den Außenredaktionen gibt es eine große Abhängigkeit vom zuständigen Deskredakteur (sitzt in Hagen, die WP selbst gehört zur Essener Funke Mediengruppe) – und Verzögerungen, falls der bei Änderungswünschen gerade für einige Minuten nicht am Platz ist. Auch nicht ganz neu ist für mich das Prinzip „Online first“, wenngleich das bei der Westfalenpost in größerem Umfang umgesetzt wird, als ich das in einer Außenredaktion der Stuttgarter Zeitung erlebt hatte.

Online first – entspannter Vormittag second

Bei der WP gibt es seit noch gar nicht allzu langer Zeit für jeden Redakteur die Pflicht, vor dem Mittag einen Artikel für das Internet geschrieben zu haben – beziehungsweise aufbereitet. Mit Bildern (für mich überraschend, dass diese wie auch links- und rechtsbündig in den Fließtext gesetzt werden, und nicht nur im Kopf zu finden sind), Bildergalerien, Zwischentiteln und Verlinkungen. Für die Redakteure bedeutet das (wenn es jetzt nicht um Polizeimeldungen geht, die ohnehin mittlerweile von den meisten Redaktionen umgehend online gestellt werden dürften), wie sie auch unumwunden zugaben, mehr Planungsdruck, Organisation und Stress. Denn wenn abends ein Termin ansteht, gilt die Regel, dass man später kommen darf, was dann aber bedeutet, dass man „seinen“ Online-Beitrag trotzdem vor dem Mittag fertig haben muss. Beziehungsweise sollte, denn noch sei nicht klar, was geschehe, wenn man es einige Male hintereinander nicht schaffe, hieß es. Und abends, kurz bevor die einzelnen Printseiten fertig gemacht werden, muss man dann nochmals an den Text und ggf. einkürzen, Zwischentitel anpassen usw. Zudem glaube ich, ohne den Vergleich zu haben, dass diese Mehrarbeit die Gefahr von Flüchtigkeitsfehlern steigen lässt, was dem Leser auch auffallen dürfte; eine eigene Korrektur, die bei der Ludwigsburger Kreiszeitung doch noch den einen oder anderen schreiberischen Schnitzer rausmacht, gibt es nicht.

All dieser Aufwand fürs Internet wird aber nicht „für lau“ betrieben. Denn nach und nach hat die Westfalenpost eine Bezahlschranke für größere und selbst recherchierte Beiträge (nicht reine Polizeimeldungen) eingeführt, die in der Reportertausch-Woche dann auch für die von den sozialen Medien und google aus verlinkten Artikel galt. „Mach‘ pay!“ rief der Redaktionsleiter nicht nur einmal durch die Räume zu seinen Kollegen. Meist kann man deshalb nur den eigens für Online geschriebenen Teaser (der sich ab und zu mit dem Vorspann inhaltlich doppelte), bei manchen Beiträgen noch den ersten Absatz kostenfrei lesen (die täglichen Kolumnen, die ich etwa über meinen Ausflug zum Kahlen Asten oder meinen Besuch im Stadtrat geschrieben habe, waren meist in größere Texte eingeklinkt und deshalb auch „pay“). Danach greift das Abo für monatlich 7,99 Euro. Mit dem Thema Bezahlschranke einher geht eine Ausweitung der morgendlichen Konferenz. In der gab es eine ausführliche Darstellung, welche Texte am Vortag online besonders oft geklickt (und dank Abo auch weitergelesen) wurden, und welche in wie viele Abschlüsse eines 30-tägigen Probeabos mündeten.

Noch mehr online anderswo

Wie man das Thema Online weitertreiben kann, habe ich dann Ende der Woche nach dem Reportertausch erfahren. Nachdem der größte Stress mit den Kommunalwahlen vorbei war, berichteten wir drei Tauschreporter der Ludwigsburger Kreiszeitung bei uns im Haus darüber, was wir erlebt hatten. Der Kollege aus der Stadtredaktion war bei der Lausitzer Rundschau (heute noch als „Lügen-Rudi“ bezeichnet, weil sie zu DDR-Zeiten SED-treu war und man sich für ein Abo bewerben musste), wo eigentlich alles sofort onlinegestellt wird, der von der Mantelredaktion war bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund, wo die Printausgabe eigentlich nur noch als Resteverwertung von zuvor schon online erschienenen Texten gesehen wird. Da könne es auch mal sein, dass etwa ein nicht tagesaktuelles Porträt auch zwei Wochen später erst im Print erscheine. Das Reporter-/Producermodell ist dort noch ausgeprägter als bei der WP und die Befüllung der Printausgabe scheint unabhängiger von der Redaktion/Redakteuren vor Ort abzulaufen. Zudem gibt es einmal pro Woche quasi ein Best-of der Ausgaben in einem eigenen Heft für knapp unter 3 Euro.

Dass viele Verlage angesichts sinkender Auflagezahlen und düsterer Prognosen auf Online first und entsprechende Bezahlmodelle setzen, war eigentlich nicht überraschend. Wohl aber, welche Ausprägungen das haben kann, wie das Dortmunder Beispiel zeigt. Und dass anderswo ein ganz anderer, heftigerer Wind herrscht…